Sch(m)erz
Schmerz. Nimm ihm das „m“ und plötzlich wird es leichter. Nur ein Buchstabe weniger. Nur ein bisschen weniger Schwere. Nur ein Laut, den man verschweigt – und schon klingt das, was weh tut, als wär’s nicht mehr so breit.
Wie oft machen wir das? Wir nehmen dem Schmerz sein „m“, damit niemand merkt, wie nah er uns kommt. Wir machen einen Scherz, bevor jemand den Schmerz erkennt. Ein Lachen als Decke. Ein Spruch als Versteck. Ein „Hahaha“ danach – und schon darf niemand mehr fragen, was davor vielleicht echt war.
„Ich weiß ja, ihr wärt ohne mich besser dran.“ -Hahaha. Ein Satz wie ein Stein, nur leicht geworfen. Vielleicht in der Hoffnung, dass jemand ihn trotzdem auffängt. Dass jemand nicht lacht, sondern schaut, mit liebenden Augen. Nicht darüber hinweg, sondern hindurch.
„War ja klar, dass dich das wieder beschäftigt.“ -Hahaha. „So bin ich halt.“ -Hahaha. Als Antwort folgt. Wie praktisch so ein Lachen sein kann. Es macht aus Angriff Ironie, aus Angst eine Pointe, aus Sehnsucht einen Nebensatz.
Und wenn es zu nah kommt, wenn ein Blick zu lange bleibt, wenn jemand fragt: Meinst du das wirklich?, dann können wir zurück. „Ach komm. War doch nur ein Scherz.“ Nur ein Scherz. Ein Ausgang. Ein Rückzug. Ein Schutz.
Denn wer scherzt, muss nicht gestehen. Wer lacht, muss nicht erklären. Wer sich selbst zur Pointe macht, kommt vielleicht dem zuvor, was andere sagen könnten. Lieber selbst den Witz erzählen, als selbst der Witz zu sein. Lieber zuerst lachen, bevor es die anderen tun.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Scherz und Schmerz: Manchmal nur ein „m“. Und manchmal eine ganze Welt.
Doch vielleicht ist der Scherz nicht immer der Feind des Schmerzes. Vielleicht ist er manchmal sein Begleiter. Vielleicht sitzt er neben ihm, wenn der Schmerz allein zu schwer zu tragen ist. Vielleicht gibt er Worten Leichtigkeit, die sonst im Hals stecken bleiben. Vielleicht macht er das Unsagbare für einen Moment sagbar.
Wir lachen auf Beerdigungen. Wir scherzen im Krankenhaus. Wir machen Witze, wenn die Angst im Raum steht und niemand weiß, wohin mit den Händen. Nicht jedes Lachen verdrängt. Manches Lachen trägt. Manches Lachen sagt: Ich kann gerade nicht weinen, aber ich fühle es trotzdem.
Und vielleicht dürfen beide bleiben. Der Scherz und der Schmerz. Das Leichte und das Schwere. Das Lachen, das uns schützt. Und die Wahrheit, die darunter liegt.
Nur sollten wir vorsichtig sein, dass der Scherz nicht lauter wird als das, was er versteckt. Dass wir das „m“ nicht so oft verschwinden lassen, bis wir selbst vergessen, dass es einmal da war.
Denn manchmal steckt im Scherz ein Schmerz. Manchmal steckt im Lachen ein Warten. Im Spott eine Bitte. Im Witz ein Vermissen. Im „Ist doch egal“ ein: Bitte sag mir, dass es dir nicht egal ist.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht jedes -Hahaha- mit einem -Hahaha- beantworten. Vielleicht braucht manches Lachen kein zweites Lachen. Sondern einen Moment. Einen Blick. Eine Frage. Einen Raum, in dem das „m“ wieder auftauchen darf.
Denn Schmerz verliert nicht seinen Wert, nur weil wir über ihn scherzen. Und ein Scherz verliert nicht seine Leichtigkeit, nur weil wir hören, was darunter klingt.
Am Anfang steht ein Wort. Sch(m)erz. Ein Buchstabe zwischen Lachen und Weinen. Zwischen zeigen und schweigen. Zwischen Nähe und Flucht. Und manchmal liegt genau in diesem kleinen „m“ mehr Gefühl, als wir uns zu sagen trauen.

Nach Hause kommen
Lange dachte ich, zuhause sei ein Gefühl und kein Ort. Vielleicht wollte ich sogar, dass es so sein muss.
Aber was ist, wenn dieses Gefühl einen Ort sucht, um sich einzunisten und ein wenig zu bleiben? Was, wenn ein Ort, den man zuhause nennen kann, gar nicht so schlecht ist?
Oft habe ich den Anspruch, dass ich selbst mein Zuhause sein muss. Dass ich mir dieses Gefühl geben muss. Dass es nicht an eine Person oder einen Ort geknüpft sein darf.
Denn wenn ich mein Zuhause in mir trage, kann es mir niemand nehmen.
Vielleicht darf es so sein. Aber vielleicht darf auch etwas dazukommen.
Vielleicht sehne ich mich nach einem Ort, der nicht in mir ist, sondern mich umgibt.
Ein Ort, an dem ich mir immer an derselben Stelle den Zeh stoße.
Ein Haken im Badezimmer, nur für meinen Schlafanzug.
Ein Ort, an dem ich durchatmen kann. An dem ich lachen und weinen darf.
Ein Ort, an den ich meine Liebsten einladen kann und dessen Tür ich schließen darf, um das Chaos der Welt für eine Weile draußen zu lassen.
Ein Ort, an dem Stille nicht leer ist, sondern lebendig pulsierend mit den sanften Klängen der Natur, wo jeder Atemzug das Gefühl von Frieden und Ruhe verstärkt und die Gedanken in harmonischen Wellen fließen, um die Seele zu nähren und das Herz zu öffnen.
Ein Ort, an dem es warm ist.
Im Winter riecht es nach Tee und Zimt. Im Sommer warten Eiswürfel in der Gefriertruhe.
Meine liebsten Dinge haben dort ihren Platz. Frische Blumen stehen in einer Vase.
Dinge dürfen auch einmal liegen bleiben, ohne gleich weggeräumt werden zu müssen.
Morgens riecht es nach Kaffee, und der Weg zum Bäcker ist immer derselbe.
Vielleicht grüßt man sich irgendwann. Weil auch die Menschen um mich herum ihren Ort gefunden haben und für eine Weile bleiben.
Vielleicht weiß ich irgendwann, wie das Licht am Nachmittag durch das Fenster fällt. Welche Diele knarrt. Welche Ecke im Winter zuerst kalt wird.
Ein Ort, an dem ich Omas Apfelkuchen backen und ihn vielleicht mit meinen Nachbarn teilen kann.
Wenn der Regen gegen die Scheiben prasselt und der Wind um die Ecken zieht, knipse ich das kleine Lämpchen auf der Fensterbank an und ziehe meine Decke bis zum Kinn hoch, um das tobende dort draußen, hinter der Fensterscheibe, zu beobachten.
An den Wänden hängen Bilder voller Erinnerungen, die mich anlächeln.
Vielleicht entstehen dort mit der Zeit neue Spuren. Von Abenden, Gesprächen, verschüttetem Kaffee und Menschen, die geblieben sind.
Ein Ort, an dem meine Pflanzen und ich wachsen können.
Ein Ort zum Lernen. Zum Nicht-perfekt-Sein.
Vielleicht ist zuhause auch der Ort, an dem ich nicht darüber nachdenken muss, wann ich wieder gehe.
Vielleicht muss ich mein Zuhause nicht nur in mir tragen.
Vielleicht darf ich auch irgendwo ankommen.
Und vielleicht sogar bleiben. Für eine Weile, oder auch für ganz.

Was ich in dir sehe
Es fängt an zu regnen, was in Irland nicht untypisch ist. Das Wetter wechselt hier schnell, wie ich inzwischen festgestellt habe. Mein Blick wandert die Straße entlang und bleibt an einem Café hängen.
Beim Betreten kommt mir ein wohltuender Geruch entgegen. Eine Mischung aus frisch gebrühtem Kaffee und gebackenem Kuchen. Eine feine Zimtnote liegt in der Luft und verstärkt die herbstliche Stimmung, die in mir aufkommt. Im Eingangsbereich liegen die ersten Laubblätter auf dem Boden und vervollständigen das Bild.
Meine Augen bleiben an den Fliesen hängen. Sie erinnern mich an meine Kindheit. Wir hatten ähnliche bei uns zu Hause. Keine gleicht der anderen. Verschiedene Braun- und Rottöne gingen ineinander über, ohne einem erkennbaren Muster zu folgen.
Der Tisch, an dem ich Platz nehme, ist aus altem Holz. Ich streiche mit der rechten Hand über die Tischplatte und spüre die Unebenheiten kleiner Kratzer unter meinen Fingern. Ich frage mich, woher der Tisch wohl stammt und welche Feste, Gespräche und Dramen sich bereits an ihm abgespielt haben
Von rechts fällt warmes Licht in mein Gesicht. Es kommt von einer Stehlampe mit goldenem Gestell und weißem Lampenschirm.
Unter mir geben die weichen Kissen des Sessels nach, als ich mich hineinfallen lasse. Seine großen Lehnen ragen zu beiden Seiten beinahe wie Ohren empor. Der Samtbezug fühlt sich weich unter meinen Händen an. Wenn ich mit den Fingern darüberstreiche, verändert sich seine Farbe mit der Richtung des Stoffes.
Tannengrün. Meine Lieblingsfarbe.
Ich verbinde sie mit Wald und frischer Luft. Sie beruhigt mich. Eine kleine Erinnerung daran, dass nicht alles in dieser Welt schnell sein muss.
Auch die Wand vor mir ist Tannengrün. Eine Holzvertäfelung zieht sich über sie und trägt denselben tiefen Farbton.
Als ich meine Beine übereinanderschlage, knarzt der Holzboden unter meinen Füßen. Er löst die Fliesen des Eingangsbereichs im restlichen Café ab.
An der Wand sind zwei Regalböden befestigt. Ebenfalls aus Holz. Ich vermute Eiche, genau wie bei der Tischplatte. Die Bücher stehen nicht ordentlich in einer Reihe. Einige lehnen gegeneinander, andere liegen quer oder in kleinen Stapeln übereinander. Gerade das macht es so gemütlich.
Links von mir sind Bodentiefe Fenster. Von hier aus kann ich die Menschen auf der Straße beobachten. Ich frage mich, wohin ihre Wege sie wohl führen.
Meine Gedanken werden unterbrochen, als ich nach meiner Bestellung gefragt werde. Ich bestelle einen warmen Kakao. So, wie du es einst für mich getan hast.
Mein Blick wandert wieder nach draußen. Der Regen hat aufgehört. Zwischen den Wolken bricht die Sonne hervor und legt einen warmen Schimmer über die Straße.
Ich entdecke einen Mann, mit weißem Bart und blauer Wollmütze. Er sitzt auf einer Bank, vor einem dahinterliegenden Park. Hinter ihm säumen große Kastanien eine Allee, durch den Park hindurch. Die Laubkleider sind bereits in Rot-, Braun-, und-Gelbtönen gefärbt.
Plötzlich beginnt der Mann zu strahlen.
Ich folge seinem Blick und entdecke ein kleines Mädchen. Auch sie strahlt.
Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen. Eine Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Sie spitzt die Lippen und pustet sie beiseite, ohne stehen zu bleiben.
Schritt für Schritt. Fuß vor Fuß.
Der Mann erhebt sich von der Bank, geht in die Hocke und breitet seine Arme weit aus. Seine Hände wirken groß.
Das Mädchen wird schneller und lässt sich schließlich in seine Arme fallen.
Sie schließen sich um ihren kleinen Körper. Ihr Kopf verschwindet beinahe unter seinem weißen Bart, eine Wange liegt an seiner Brust.
Ich stelle mir vor, wie sie seinen Herzschlag hört. Wie geborgen sie sich fühlen muss.
Beide schließen die Augen und verweilen.
Mein warmer Kakao wird auf dem Holztisch abgestellt. Ich nehme einen großen Schluck, der so viel Wärme in mir ausbreitet wie das Bild hinter den bodentiefen Fenstern.
Der Geschmack von Schokolade liegt auf meiner Zunge. Dann etwas Salziges.
Erst jetzt bemerke ich die Tränen. Sie laufen über meine Wangen um die Wette, bis sie an meinem lächelnden Mundwinkel ankommen und dort vergeblich innehalten.
Mit einer Serviette wische ich sie unbemerkt weg und gestehe mir ein, dass ich gerne dieses kleine Mädchen gewesen wäre. -In deinen schützenden Armen.
Draußen richtet sich der Mann wieder auf und nimmt das Mädchen an die Hand. Gemeinsam gehen sie den Weg zwischen den Kastanien entlang.
Mit jedem Schritt werden sie kleiner. Und der Kloß in meinem Hals größer.
Das Mädchen schaut zu ihm hinauf. Er erwidert ihren Blick.
Verbunden durch ihre Hände und ihre Blicke, die immer wieder zueinanderfinden, entfernen sie sich weiter aus meinem Sichtfeld.
So wie du es einst getan hast. Nur ohne mich in deinen Armen.

Vielleicht muss ich nicht besser werden
Mirabell dreht sich von einer Seite auf die andere in ihrem Bett.
Sie streckt ein Bein unter der Bettdecke hervor, zieht es wieder zurück.
Sie wendet ihr Kopfkissen, sucht nach der kühlen Seite, in der Hoffnung, dass dann endlich Ruhe einkehrt.
Ruhe in ihrem Körper.
Ruhe in ihrem Kopf.
Ruhe in ihr.
Doch ihre Gedanken lassen sie nicht los....
Bin ich gut zur dir und gut genug für dich?
Bin ich hübsch genug?
Entspreche ich dem Bild, das du von mir erwartets?
Wie fühlst du dich mit mir?
Frag um Frage kreist durch die Dunkelheit. Sie sucht nach Antworten in ihm, während sie sich selbst immer mehr verliert.
Diese Fragen kommen ihr bekannt vor.
Sie kennt sie gut. Vielleicht schon so lange, dass sie kaum noch bemerkt, wie selbstverständlich sie sich um ihn drehen.
Doch wie selten hat sich sich gefragt:
Bin ich gut zu mir und bist du gut zu mir?
Entspricht das hier dem Bild von Beziehung, das ich mir wünsche?
Wie fühle ich mich eigentlich mit dir?
Fragen die einen Blick verlangen.
Weg von ihm, hin zu sich selbst.
Weg von der Angst, nicht zu genügen, hin zu der leisen Ahnung dass auch sie wählen darf.
Dass auch ihre Bedürfnisse zählen.
Dass auch sie gehalten werden möchte.
Dass auch sie verstanden werden möchte.
Dass reife Liebe keine Prüfung sein sollte, die sie jeden Tag aufs neue bestehen muss.
Sie versuchte sich zu optimieren.
Wiedersprüche in sich zu vereinen, Ecken abzuschleifen, Erwartungen zu erfüllen. Sie sammelt all die Dinge, von denen sie glaubt, dass sie liebenswert machen und versucht daraus ein Bild von sich zu erschaffen, das ihn zum bleiben bewegt.
Noch ein bisschen verständissvoller.
Noch eine Grenze weniger.
Nochmal aus einem Nein ein Ja wandeln.
Noch ein bisschen liebevoller.
Noch ein bisschen hübscher.
Als ließe sich Liebe verdienen, wenn sie nur die richtige Version wird und genug leistet.
Aber irgendwo zwischen all den Versuchen, für ihn genug zu sein, bleibt eine Frage zurück, die sie kaum zu berühren wagt:
Liebt sie sich selbst?
Vielleicht hat sie früh gelernt, dass Liebe nicht verlässlich ist.
Dass sie viele Bedingungen haben kann.
Dass Menschen gehen, obwohl sie versprechen zu bleiben.
Und dass es manchmal leichter scheint, sich selbst zu verändern, als die Ungewissheit auszuhalten, ob man geliebt wird.
Dass es leichter ist die Verantwortung für das Verhalten anderer zu übernehmen, als sich einzugestehene, dass das nicht in Ordnung war.
Vielleicht glaubt ein Teil von ihr bis heute, dass sie das Ende einer Geschichte verhindern kann, wenn sie nur rechtzeitig erkennt, was ihr noch fehlt. Vielleicht wird es dann anders.
Denn einst wollte sie auch das er bleibt. Doch er ging.
Er kam doch erst zurück und versprach nicht wieder zu gehen.
Und sie glaubte ihm. Sie schütze ihn vor Verantwortung, indem sie seine übernahm und dachte "diesmal bin ich gut genug."
Diesmal wird er bleiben.
Weil ein Versprechen manchmal genügt, um all die Hoffnung wieder aufleben zu lassen.
Doch dann stand sie vor ihm.
Sie hatte sich so bemüht ein tolles Kind zu sein.
Die Tränen in den Augen und bat ihn nicht zu gehen.
Es ist doch Weihnachten.
Als könne dieser eine Satz ihn daran erinnern, dass es Momente gibt, in denen man ein Kind nicht allein zurücklassen sollte.
Dass es Tage gibt, an denen ein Herz ein bisschen mehr Schutz verdient.
Doch er ging an ihr vorbei. Und etwas in ihr blieb zurück.
Ein kleines Herz das nicht verstand, warum er ging obwohl sie sich so bemühte und darum bat dass er bleibt.
Ein Herz, das vielleicht bis heute versucht den Fehler bei sich zu finden.
Weil es vielleicht leichter sein kann an die eigene Unzulänglichkeit zu glauben, als an die schmerzhafte Erkenntnis das sie das Geschehne nicht kontrollieren konnte, egal wie sehr sie sich bemühte.
Vielleicht muss sie sich nicht mehr bemühen und besser werden.
Vielleicht muss sie nicht lernen noch mehr auszuhalten, noch mehr zu verstehen, oder noch liebevolle über die eigenen Grenzen hinwegzugehen.
Vielleicht geht es darum zu begreifen, dass sie die Verantwortung für das Bleiben eines anderen Menschen niemals alleine tragen kann.
Das es nicht an ihr lag.
Sie war ein Kind.
Ein Kind, das geliebt werden wollte.
Das glauben wollte, das Versprechen halten.
Das nicht hätte lernen müssen, sich selbst infrage zu stellen, damit es die Erwachsenen nicht tun müssen.
Sie hätte nicht hübscher, verständnisvoller, oder angepasster sein müssen.
Sie hätte Menschen verdient, die bleiben, weil sie bleiben möchten.
Die nicht ihre Perfektion lieben, sondern ihre Echtheit.
Die Verbindung nicht darin suchen, dass Menschen sich passend machen, sondern dass sie sich zeigen dürfen.
Menschen bei denen sie nicht ständig versuchen muss, die Richtige zu sein, weil sie einfach sie selbst sein darf.
Vielleicht ist das der Anfang.
Nicht davon, endlich gut genug zu werden.
Sondern davon, sich selbst nicht länge zu verlieren, um andere von Ihrer Verantwortung und ihrem Schmerz zu befreien, um geliebt und gehalten zu werden.

Das Kind in dir
Wenn ich dich sehe, sehe ich viel mehr, als nur dich.
Ich sehe das Kind, das in dir zurückgeblieben ist.
Das vielleicht nie gelernt hat, dass Liebe weich sein darf, dass Nähe nicht wehtun muss und das man nicht kämpfen muss, um gesehen zu werden.
Vielleicht hast du gelernt dein Herz hinter Mauern zu verstecken, bevor jemand es erneut verletzen kann. Bevor dich nochmal jemand beschämt, oder vereinnahmen kann.
Vielleicht hast du Härte entwickelt, wo du eigentlich Geborgenheit und Verständnis gebraucht hättest.
Und vielleicht meine ich deshalb verstehen zu können, warum du heute geworden bist, wer du heute bist.
Und das tut mir so leid. Du hast mein größtes Mitgefühl. Du hättest was anderes verdient und gebraucht.
Doch während ich das Kind in dir sehe, darf ich nicht vergessen, was der Erwachsene in dir anrichtet.
Deine Wunden erklären deine Narben, aber sie geben dir nicht das Recht, andere Bluten zu lassen.
Und vielleicht ist es genau das, was Menschen wie mich so lange hält.
Wir sehen das verletze Kind und hoffen, es mit unserer Liebe retten zu könne.
Wir entschuldigen das Verhalten des Erwachsenen, weil wir den Schmerz des Kindes verstehen.
Wir verschieben unsere Grenzen, werden leiser, vorsichtiger, verlieren uns selbst und nennen das Mitgefühl.
Doch ich kann dass Kind in dir sehen, ohne mich von dem Erwachsenen in dir verletzen zu lassen.
Ich kann verstehen, ohne alle zu verzeihen.
Ich kann Mitgefühl haben, ohne mich selbst aufzugeben.
Irgendwann.
Denn auch in mir lebt ein Kind.
Eines das lernen musste die Stimmung anderer zu lesen.
Und vielleicht müssen wir beide erkennen, dass unsere Wunden nicht unsere Schuld sind. Aber das es unsere Verantwortung ist, was wir aus ihnen machen.
Ich sehe das Kind in dir, aber ich darf darüber das Kind in mir nicht länger vergessen.